Goldonis Theaterstück hat die Jahrhunderte überdauert – und noch heute viel zu sagen.
Wir erleben eine etablierte und eingespielte Standesgesellschaft: den Kaufmann und den Anwalt, den erfolgreichen Gastwirt, den Diener und die Zofe. Am unteren Ende der sozialen Leiter stehen die Lastenträger. Alle verrichten ihr Tagewerk, bringen sich ein und gestalten aktiv das gesellschaftliche Leben mit. Eine lebendige, funktionierende Gemeinschaft.
Wir begegnen den Kindern wohlhabender Familien, die durch Herkunft, Erziehung und Bildung beste Voraussetzungen für eine erfolgreiche Zukunft mitbringen. Alles könnte so gut sein, wären da nicht Schicksalsschläge, Übermut und persönliche Entscheidungen, die sie vom vorgezeichneten Weg abbringen. Sie suchen ihren eigenen Platz im Leben, reagieren auf Krisen und versuchen, ihr Glück selbst in die Hand zu nehmen.
Bergamo galt in Italien lange als Synonym für Provinzialität; man unterstellte den Menschen von dort, nicht gerade die Klügsten zu sein. Jede Gesellschaft kennt solche Klischees. In Deutschland waren und sind etwa Ostfriesenwitze weit verbreitet.
Der Außenseiter unseres Stücks stellt sich als Truffaldino Battacchio aus Bergamo vor. Er ist schlagfertig, wortgewandt und keineswegs auf den Mund gefallen – doch er ist Analphabet. Offenbar hat er nie eine Schule besucht. Unbedarft, naiv und zugleich weltoffen zieht er in die Welt hinaus. Dort findet er nicht nur seine erste Anstellung als Diener, sondern erlebt auch Hunger, weil sein junger Herr zu sehr mit den eigenen Problemen beschäftigt ist, um sich ausreichend um seinen Bediensteten zu kümmern.
Durch einen Zufall eröffnet sich Truffaldino die Möglichkeit, einem zweiten Herrn zu dienen. Seine Hoffnung: doppelte Arbeit bedeutet auch doppelte Verpflegung. Doch dieser Gedanke erweist sich schon bald als Trugschluss.
Goldoni wählte die Form der Komödie und griff dabei auf die bekannten Figuren der Commedia dell’arte zurück. Das Volkstheater erfreute sich damals in Italien großer Beliebtheit. Auch in Deutschland gab es mit dem Hanswurst eine vergleichbare Figur, die jedoch von der zeitgenössischen Hochkultur zunehmend verdrängt wurde.
Mit seinem Stück machte sich Goldoni bei den Stars der Commedia dell’arte allerdings nicht beliebt. Statt improvisierter Stegreifspiele präsentierte er plötzlich festgeschriebene Dialoge – und diese waren nicht nur unterhaltsam, sondern auch gesellschaftskritisch.
Genau darin liegt bis heute die Stärke seines Werkes. Die berühmteste Komödie des Autors, der mehr als 150 Theaterstücke schrieb, ist ein zeitloser Spiegel des Lebens. Ihre Botschaft lautet: Lerne, gehe mutig deinen Weg, sei aktiv, aufmerksam und offen für Neues. Niederlagen gehören dazu und machen stärker. Hinzufallen ist keine Schande – liegen zu bleiben schon eher. Das Leben ist eine harte Schule, besonders für diejenigen, die nicht aus privilegierten Verhältnissen stammen. Wer sich ihm stellt, wird seinen Weg finden.
Bereits 1790 brachte Goethe „Der Diener zweier Herren“ in Weimar auf die Bühne.